
Gretje Treiber
Hamburg Barmbek Nord
Versuche einer Begegnung Etwas stört mich. Von jetzt auf gleich. Ich schaue mich um. Beobachte. Erkunde. Ich stelle fest. Veränderung. Wandel. Aufbruch. Erwachen – empfinde ich als Bedrohung.
Sanitätshaus Krabbe, Pestalozzistrasse, 2016
Lange galt Barmbek-Nord besonders bei jungen Menschen als unattraktiver Stadtteil. In den letzten Jahren ist ein verstärkter Zuzug junger, gut verdienender Familien zu beobachten. Trotz steigender Preise sind die Mieten noch immer vergleichsweise niedrig. Im derzeit sich in der Planung befindlichen Quartier Barmbek Family sollen öffentlich geförderte Wohnungen das ehemalige Arbeiterviertel »jünger und noch attraktiver, aber nicht teurer« machen. Foto: Gretje Treiber
Baustelle Stadtparkquartier, Alter Güterbahnhof, 2015
Bis in die 1960er Jahre war der Barmbeker Güterbahnhof ein wichtiger Umschlagplatz für tausende Waggonladungen. Auf der Brache des stillgelegten Geländes fand bis 2006 rings um das einzige noch erhaltene historische Gebäude der Strom- schienenwerkstatt der größte Flohmarkt Norddeutschlands statt. Für das Areal wurden über 1.000 Wohnungen geplant. Das bauhistorisch als erhaltenswert eingestufte Werkstattgebäude wurde 2009 abgerissen. Damit verschwand ein weiterer Veweis auf die industriell geprägte Geschichte des Viertels.
Mit mehreren Eigentümerwechseln sind die Grundstückspreise bis zur tatsächlichen Bebauung um ein Vielfaches gevstiegen. Zur besseren Positionierung auf dem Wohnungsmarkt wurden die Stadtteilgrenzen verschoben und das Gebiet Winterhude zugeschrieben. Foto: Gretje Treiber
Reinhard Saloch, Rübenkamp, 2016
Reinhard ist in Barmbek-Nord aufgewachsen. Vor 30 Jahren gründete er mit Freunden die Geschichtswerkstatt Barmbek und beobachtet und dokumentiert die Geschichte aber auch die aktuellen Veränderungen des Viertels. Das alles könne auch eine Chance sein, endlich den schlechten Ruf los zu werden. Aber manchmal sei er auch hin und hergerissen, weil er Hintergründe kenne und wisse, was man ohne Not abgerissen habe. Foto: Gretje Treiber
Neubau VBG Hauptverwaltung, Drosselstraße, 2016
Auf dem Nachbargrundstück des ehemaligen Hertie-Kaufhauses baut die Unfallversicherung VBG einen 15-geschossigen Neubau für rund 550 Beschäftigte. Außerdem sollen dort ein Supermarkt, Gastronomie und weitere kleine Ladenflächen Platz finden. Foto: Gretje Treiber
Überwucherte Parkanlage, Alte Wöhr, 2016
Foto: Gretje Treiber
Nudel Welt, Fuhlsbüttler Straße, 2016
Die Fuhlsbüttler Straße ist die Einkaufsstraße des Viertels. Das war sie auch schon immer. Nur früher sei sie schöner gewesen. Eigentlich kann man hier alles kaufen. Günstig, manchmal billig. Sunny Schnäppchenladen, Eis-Franz, Fische Giesler, Euro Shop, Crazy Store, Multi Shop, Alpen Grill, KiK, Peter’s Grill, Salon Uta, Lidl, Edeka, Orion.
Aber schon immer machen es die hohen Mieten besonders den Einzelhändlern schwer. Jetzt wird aufgewertet. Seit 2014 soll aus dem Fördergebiet eine qualitätsvolle Flaniermeile werden. Foto: Gretje Treiber
Der Bulgare, Herbstweg, 2015
Der Gelbe, Novak, Maxi, Bärbel, Jogi, Georgy, Peter-Professor, Soran. Ein Astra, ein Holsten. Jeden Tag. Die einen schon ab Mittag, die anderen nach Feierabend. Friedel verspielt ihr Geld, Laube erzählt von früher, der Bulgare von seiner Heimat. Nach zwölf Jahren schließen Marko und Lydia ihre Kneipe.
Mit dem Umzug des benachbarten Fußballplatzes brachen Einnahmen weg. Die Stammkundschaft alleine war umsatzstark nicht genug. Foto: Gretje Treiber
Bei Lydia, Herbstweg, 2015
Der Gelbe, Novak, Maxi, Bärbel, Jogi, Georgy, Peter-Professor, Soran. Ein Astra, ein Holsten. Jeden Tag. Die einen schon ab Mittag, die anderen nach Feierabend. Friedel verspielt ihr Geld, Laube erzählt von früher, der Bulgare von seiner Heimat. Nach zwölf Jahren schließen Marko und Lydia ihre Kneipe.
Mit dem Umzug des benachbarten Fußballplatzes brachen Einnahmen weg. Die Stammkundschaft alleine war nicht umsatzstark genug. Foto: Gretje Treiber
Ronny, Steilshooper Straße, 2015
Vor zehn Jahren kam Ronny nach Barmbek-Nord, um in der Nähe seiner Mutter zu wohnen, und fand eine Wohnung unweit des Fußball-Stadions an der Steilshooper Straße. Acht Jahre war er Platzwart beim HSV Barmbek Uhlenhorst. »Hier wurde Geschichte geschrieben!«
Ende 2016 zog Ronny ein Viertel weiter. Dort sind die Mieten noch günstiger. Im neuen Stadion an der Dieselstraße war er noch nicht. Foto: Gretje Treiber
Baustelle des neuen Stadions Dieselstraße, Dieselstraße, 2015
3:0, Heimsieg. Konfettibombe in blau-gelb. Uwe Seeler. Lotto King Karl singt: »Mitten inne Stadt, mitten in Barmbek.« Der Pöbelblock singt mit. Tränen und Bier. Würste und Feuerwerk. Das war Barmbek Anfield. Das erste Spiel der Oberliga-Saison im Sommer 2015 ist nach 90 Jahren das letzte auf dem Platz. Der Bebauungsplan Barmbek-Nord 11 kündigt auf dem ehemaligen Gelände des HSV Barmbek-Uhlenhorst, angrenzenden Gewerbeflächen und Kleingartenalagen in den kommenden Jahren den Bau von rund 675 Wohneinheiten an. Das neue Kunstrasenstadion an der Dieselstraße wird seit Anfang 2016 bespielt. Foto: Gretje Treiber
Heimtribüne des Wilhelm-Rupprecht- Sportplatzes, Steilshooper Straße, 2015
3:0, Heimsieg. Konfettibombe in blau-gelb. Uwe Seeler. Lotto King Karl singt: »Mitten inne Stadt, mitten in Barmbek.« Der Pöbelblock singt mit. Tränen und Bier. Würste und Feuerwerk. Das war Barmbek Anfield. Das erste Spiel der Oberliga-Saison im Sommer 2015 ist nach 90 Jahren das letzte auf dem Platz. Der Bebauungsplan Barmbek-Nord 11 kündigt auf dem ehemaligen Gelände des HSV Barmbek-Uhlenhorst, angrenzenden Gewerbeflächen und Kleingartenalagen in den kommenden Jahren den Bau von rund 675 Wohneinheiten an. Das neue Kunstrasenstadion an der Dieselstraße wird seit Anfang 2016 bespielt. Foto: Gretje Treiber
Der Barmbeker Pöbel während des letzten Spiels auf dem Wilhelm-Rupprecht-Sportplatz, Steilshooper Straße, 2015
Seit den 1980er Jahren unterstützt die Fangruppierung Barmbeker Pöbel die Mannschaften des HSV Barmkbek Uhlenhorst und feiert sich und den Verein - hart, laut und provokant.
1990 unterbrach der raue Ton beinahe ein Spiel: »Jetzt aber mal Ruhe hier an der Anfield, sonst ist Schluss!«, schrie der Schiedsrichter in Anlehnung and das legendäre Stadion des FC Liverpool und gab dem Platz damit seinen Beinamen Barmbek Anfield. Foto: Gretje Treiber
Auto Center-City, Steilshooper Straße, 2016
»Ankauf, Verkauf, Im-Export, Vermittlung, Finanzierung.« Foto: Gretje Treiber
Hufnerstraße, 2016
Charakteristisch für Barmbek-Nord ist die Rotklinker- und Backsteinarchitektur. Im Zuge der Energieeinsparverordnung wurden die meisten Fassaden in den letzten Jahren mit Dämm- platten und einer künstlichen Klinkerriemchenschicht verkleidet. Experten warnen seit Jahren vor Schimmelbildung, Umweltbe- lastungen und erhöhter Brandgefahr. Die Stadt Hamburg stockte die Förderung von Hausbesitzern zur energetischen Sanierung 2013 erneut auf. Das tatsächliche Energieeinsparpotential für den Mieter wird als gering eingeschätzt. Der Vermieter kann bis zu 11% seines Kostenaufwandes auf seine Mieter umlegen. Im Dezember 2016 wurde eine Backsteinverordnung erlassen. Der Stadtplanungsausschuss der Bezirksversammlung hat zum Schutz der Backstenfassaden eine städtebauliche Erhaltungssatzung beschlossen. Foto: Gretje Treiber
Restaurant, Hertie, Fuhlsbüttler Straße, 2015
Nach fünf Jahren Leerstand wurde das Gebäude des Hertie-Kaufhauses 2015 schließlich abgerissen. Verworrene Eigentumsverhältnisse und mehrere Investorenwechsel verzögerten die Baumaßnahmen um Jahre und verhinderten eine sinnvolle Zwischennutzung. Das Areal war in den Jahren derart verkommen, dass kaum jemand den Sinn des Abrisses anzweifelte. Auf dem frei gewordenen Grundstück soll ein Geschäftshaus mit 9.000 qm Gastronomie und Einzelhandelsfläche entstehen. Außerdem ist ein hochpreisiges Hotel geplant. Foto: Gretje Treiber
Dominique, Hufnerstraße, 2016
Im Sommer 2004 zogen Dominique und ihr Mann nach Barmbek. Seit damals sei es schon ein bisschen nobler geworden. Irgendwann werde das auch die Preise verändern. Früher hatte sie mal eine Wohngemeinschaft in Eimsbüttel. Jetzt ist es dort unbezahlbar. Da könne sie nicht mehr wohnen. Foto: Gretje Treiber
Ich begegne meinem Stadtteil, meinem Zuhause. Ich versuche dem nachzuspüren, was um mich herum gerade geschieht. Nach langer Zeit des Stillstandes wurde Barmbek-Nord von Stadtplanern und Investoren wiederentdeckt. Jetzt wird mit Rasanz nachgeholt, was Jahre versäumt wurde.
Fast brachial wird dem Viertel die Aufwertung abgerungen. Ich frage mich, welche Verluste dabei zu erwarten sind. Unregelmäßigkeiten und Reste, Relikte, Verweise auf das was war, was auch immer meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist schon im Begriff zu verschwinden. Was lokale Identität schuf, bleibt nur bestehen, wenn es sich zum vermarktbaren Klischee reduzieren lässt. Meine Idee von diesem Ort, den Häusern, den Straßen, von den Menschen ist wohl schon beinah eine gestrige. Bilder von Räumen, Ecken, Gesichtern, Momenten fügen sich zu einer Idee über diesen Ort und stellen Fragen und dokumentieren und begleiten meine Gedanken: Was erzählt das gemeinsame Leben und Erleben in Städten über unsere Vorstellungen von Zukunft?






