
Johannes Groht
111 dreimaldieeins – die Taxigeschichte
Diese Serie erzählt die Nachtschicht eines Taxifahrers in Hamburg in 73 dokumentarischen und inszenierten Fotografien. Hier eine Auswahl. Sie ist 1987 und 1988 entstanden.
Hamburg, 1987. Sonnabend, 18 Uhr, Schichtbeginn. Der Schlüssel zum Taxi mit der Funknummer 111 dreht sich im Schloss. In der Fahrertür des Wagens spiegelt sich der Fernsehturm.
Außenalster, Schwanenwikbrücke, Hamburg, 1987.
Der erste Funkkontakt, die erste Tour. Die Nacht beginnt.
Unileverhaus, Valentinskamp/Dragonerstall, Hamburg, 1987.
Bescheid sagen: Das Taxi ist da! Das Dachschild ist aus, die Uhr läuft. Das beleuchtete Funkschild mit der Nummer 111 weist den Wagen als Teilnehmer des Blitzfunks aus.
Grindelhochhaus, Hallerstraße, Hamburg, 1987. Namen suchen und klingeln: Das Taxi ist da!
Osterbekweg, Hamburg, 1987.
Nicht alle Fahrgäste sind freundlich. Das letzte Mittel ist es, abrupt zu stoppen und sie rauszuschmeißen. Die auf der Brücke vorbeifahrende Hochbahn beleuchtet die Szene und hinterlässt infolge der langen Belichtungszeit ein leuchtendes Band.
Bushaltestelle Bahnhof Holstenstraße, Stresemannstraße, Hamburg, 1987. Kurzer Halt für ein Telefonat: In der Zeit vor Internet und Mobilfunk musste man eine Telefonzelle suchen, wenn man unterwegs jemanden erreichen wollte.
McDonald‘s Drive-In, Kollaustraße, Hamburg, 1987. Der erste Drive-In in Hamburg eröffnete 1982. Eine Art Hassliebe verband die Hamburger mit McDonald‘s. Aber hier konnte man auf die Schnelle etwas zu Essen bekommen und musste nicht einmal aussteigen.
Hamburg, 1987. Es ist überliefert, dass ein Kollege nur den Hamburger selbst aß und das Brötchen gleich mit der Verpackung wegwarf, bevor er wieder durchstartete.
Steve Marriott mit Freundin, Hamburg, 1987. Hin und wieder hatte man prominente Fahrgäste im Wagen: Der britische Rockmusiker Steve Marriott (1947–1991) war Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Modband Small Faces und der Bluesrock-Band Humble Pie.
Eppendorfer Marktplatz/Heinickestraße, Hamburg, 1988. Ein so genannter Anläufer steht vor der Bhagwan-Diskothek „Zorba The Buddha“ und winkt ein Taxi heran.
Hamburg, 1987. Eine junge Frau steigt aus. Außer vielleicht einem flüchtigen Lächeln bleibt von ihr nur die qualmende Kippe im Aschenbecher zurück. In den 1980er-Jahren war es üblich, dass in Hamburger Taxis geraucht wurde.
Sternbrücke, Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße, Hamburg, 1987. Das Brücken-Stübchen unter der Sternbrücke hat ein Taxi bestellt. Der Fahrer hält und geht gebückt unter dem Geländer durch, um Bescheid zu sagen, dass er da ist und wartet.
Hellbrookstraße, Hamburg, 1987. Kleinere Probleme mit dem Wagen konnte man in den 1980er-Jahren noch selbst beheben. Im Hintergrund steht die U-Bahn-Hochbrücke. Der vorbeifahrende Zug beleuchtet die Szene und hinterlässt infolge der langen Belichtungszeit ein leuchtendes Band.
Rentzelstraße/An der Verbindungsbahn, Hamburg, 1987. Die Ampel für die Linksabbiegerspur in Richtung Schröderstiftstraße steht auf Rot. Der Blick über die Motorhaube zeigt die spiegelnden Lichter der nächtlichen Stadt auf der regennassen Kreuzung.
Bramfelder Chaussee, Hamburg, 1987. Nachts sind viele Ampeln ausgeschaltet, und auch die langen Fahrten an den Stadtrand sind zügig zu bewältigen – vor allem, wenn man es mit den Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht allzu genau nimmt.
Lessingtunnel, Julius-Leber-Straße, Hamburg, 1987. Von der Nacht bleiben auch viele Eindrücke, die nicht unmittelbar mit dem Taxifahren zu tun haben, wie das Bild eines regungslosen Mannes, der seinen Kopf an einem der Pfeiler des Lessingtunnels lehnt, als wolle er dessen dunkle, schwere Atmosphäre ganz in sich aufnehmen.
Neuer Pferdemarkt, Hamburg, 1987. Warten an der roten Ampel, Lichtspiele im regennassen Fenster – ein Blick zurück im Rückspiegel, ein Blick nach vorn auf den Neuen Pferdemarkt
Esso-Tankstelle Reeperbahn, Spielbudenplatz/Taubenstraße, Hamburg, 1987. Die Esso Reeperbahn war ein zentraler Anlaufpunkt zum Tanken und Wagenwaschen kurz vor Schichtende.
Fährdamm, Hamburg, 1987. Ein neuer Tag bricht an. Es ist, als begegnete das Taxi in dem Autowrack am Straßenrand seinem eigenen Schatten.
Doormannsweg/Fruchtallee, Hamburg, 1987. Sonntag, 6 Uhr, Schichtende. Das Taxi ist abgestellt, bereit für den Tagfahrer. Vor dem Schlafengehen ein letzter Blick auf die Stadt und den Fernsehturm. Das Foto entstand im so genannten Selbstmörderhochhaus, in das mich der Hausmeister nur unter dem Versprechen einließ, mich nicht selbst hinunterzustürzen.
Während der 12 Stunden vom abendlichen Einsteigen bis zum Feierabend am frühen Morgen begegnet der Protagonist typischen Situationen und Fahrgästen vor dem Hintergund der nächtlichen Stadt. Eine zentrale Rolle in seiner Wahrnehmung spielt die Zahl 111, seine Funknummer, die er immer wieder auch in ganz anderen Zusammenhängen erblickt. Um mit dem vorhandenen Licht arbeiten zu können, habe ich hochempfindliche Farbnegativfilme verwendet, sie eine Blende unterbelichtet und dann forciert entwickeln lassen. Das dabei entstehende grobe Korn war ein bewusst eingesetztes Stilmittel, um die besondere Atmosphäre einzufangen. Darüber hinaus wurde das Kleinbildformat quadratisch beschnitten, um an die Ästhetik der Polaroidfotografie anzuknüpfen.
1991 erschien die Serie unter dem Titel »Nachtfahrt« als Taxikalender von Mercedes-Benz und wurde als Wanderausstellung in Leuchtkästen bundesweit in verschiedenen Mercedes-Benz-Filialen präsentiert.
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